Zeitenwandler

Wonach strebt die Menschheit? Danach, dass Hunger, Armut und Krankheiten besiegt werden und dass es eine glückliche Zukunft gibt?

Oder danach, sich selbst zu vernichten?

Das weiß niemand, aber man kann darüber spekulieren. In diesen 18 Geschichten werden verschiedene Szenarien durchgespielt.

Wer Interesse an Storys über unsere Zukunft, über Reisen durch die Zeit oder in Parallelwelten oder auch zu anderen Planeten hat, wird mit diesem Werk seine Freude haben.

Dabei geht es zum Teil heiter, zum Teil ernst zu. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Interessiert? Hier bestellen:

Leseprobe:

Das Projekt Stonehenge 

Nach dem Verlust unserer ersten Flugmaschinen-Zeitmaschine, die als UFO im Jahre 1947 in der amerikanischen Kleinstadt Roswell abstürzte, hatten wir ein Zeitparadoxon erzeugt, das was wir erforschen wollten, war von uns bewirkt worden. Na, ja, eigentlich war nur ich der Verursacher, da ich sie unerlaubterweise gesteuert hatte.

Dieses führte zu einer erheblichen Verschärfung der Auflagen. Wir durften nur noch zu zweit die Maschine bedienen. Sarah, Vladimir und ich, Sebastian Globecker, wurden nunmehr dem Projekt „Stonehenge“ zugeteilt, was mir durchaus zusagte. Stonehenge hatte mich schon immer fasziniert. Wer hatte es erbaut und warum? Welchen Zweck hatten diese monumentalen Steinquader? Wir waren begierig, eine Antwort zu finden.

„Das gibt es doch gar nicht!“, rief Sarah. Die Geschichtsforscherin war offensichtlich wenig entzückt. „Was ist dann, meine Schöne?“, entgegnete ich und lächelte sie an. Ich mochte Sarah immer  noch. Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch hochintelligent. Aber heute wiesen ihre grünen Augen auf Verärgerung hin. „Ach, Sebastian. Ich habe gerade die Bilder vom Flugobjekt überprüft, und nun sieh dir das an.“ Sie drückte einen Knopf an dem Joystick. Auf dem 4D-Projektor erschien eine schöne Landschaft. „Ich sehe nichts“, bemerkte ich. „Das ist es! Einfach nichts! Nichts!“, sagte Sarah. „Vielleicht ist das Ding einfach falsch ausgerichtet und…“, meinte ich, doch die Irin konterte: „Nein, alles perfekt. Das hat Kollege Kaspersky neu programmiert. Stonehenge ist einfach nicht da!“ 

Der Russe hatte unterdessen den Raum betreten, wir hatten ihn gar nicht bemerkt. Er brummte: „Danke, Sarah. Ja, daran liegt es wohl nicht.“ Kaspersky räusperte sich und fuhr fort: „Ich habe da einen Verdacht. Lasst uns das beim Essen besprechen.“

Wir begaben uns in die Kantine. Sarah bestellte einen doppelten Algenburger, wie so oft. Kaspersky orderte vom Nahrungsgenerator Boeuf Stroganoff, und ich entschied mich für ein Jägerschnitzel mit Pommes Frites. „Das Ihr immer noch dieses altertümliche Zeug esst…“, warf uns die Irin vor. „Nun, ich mag es. Es ist nahrhaft, schmeckt und…“

„… und ist künstlich aus Algen hergestellt, wie all unsere Nahrung.“

„Das weiß ich, aber…“ 

„Darf ich Eure Diskussion unterbrechen? Ich habe wirklich Hunger“, brummelte Kaspersky. Wir gingen am Zahlportal vorbei, die Beträge wurden wie immer automatisch von unseren Gehältern abgebucht. Sarah bemerkte: „Die haben die Preise  wieder erhöht. 12 UNO kostet der Burger, nicht zu fassen.“ Wir gingen zu einem Vierertisch am Fenster, von dort hatte man einen wunderbaren Blick auf die riesige Angela Merkel – Statue am Rande des „Parks der berühmten Bauwerke“. Heute war Donnerstag, deshalb war ihr Hosenanzug in Dunkelblau ausgeleuchtet. Das aus Styanit gebaute Denkmal konnte ja bekanntlich beliebig die Farbe wechseln.

Kaspersky nahm einen Bissen, kaute und räusperte sich erneut. „Wie gesagt, ich habe da einen Verdacht. Denkt an den Roswell-Vorfall. Offenbar hat es nie einen richtigen UFO-Absturz gegeben. Es geschah erst durch unser Zutun. Hätten wir es nicht getan, hätte niemand auf der Welt davon erfahren.“

„Hmm, und was hat das Ganze mit Stonehenge zu tun?“, wollte ich wissen. Sarah lachte leise auf. „Na, hat zumindest einer hier am Tisch aufgepasst. Wer von Euch ist nun Geschichtsforscher und wer ist Physiker? Denk doch mal nach, Sebastian.“

„Ein Zeitparadoxon? Du meinst Stonehenge gäbe es gar nicht? Es hätte nie existiert?“

„Ja, du Blitzmerker. Aber wir können das korrigieren.“

„Indem wir unser Stonehenge aus der Gegenwart in die Vergangenheit senden? Du meinst, das klappt?“

„Ja, es würde klappen, aber es wäre nicht gut, weil das ein echtes Paradoxon wäre. Das wäre so, als ob du ein berühmtes Gemälde in die Vergangenheit schickst, das dort noch nicht gemalt wurde.“

„Ich verstehe. Niemand hätte das Bild  je gemalt…“

„Genau. Und niemand hätte Stonehenge je gebaut. Ich habe einen anderen Plan.“

Kaspersky verriet uns zunächst nicht, was er vorhatte, und lud uns in den benachbarten „Park der berühmten Bauwerke“ ein, der seit langem eines der beliebtesten Sehenswürdigkeit Berlins war und auf dem Gelände des ehemaligen Tiergartens errichtet wurde. „Fünfzig UNO Eintritt pro Person, ganz schön happig“, stellte ich fest, als wir dort angekommen waren. „Nörgele nicht, ich zahle“, sagte Kaspersky und machte eine einladende Handbewegung. „Warst du überhaupt schon einmal da, Sebastian?“

„Ehrlich gesagt noch nie. Ich hatte nie Zeit und man kann doch alles als  Projektion in sein Wohnzimmer holen.“ Sarah fiel ins Wort: „Das ist doch nicht das Gleiche. Zum Einen kannst du es da nicht anfassen, und es ist auch nur verkleinert. Außerdem stehen hier Nachbildungen von vielen berühmten Gebäuden,  zum Beispiel der Eiffelturm oder die Allianz-Arena.“ 

„Richtig, Sarah. Da spricht jemand, der sich auskennt. Kommt, ich will Euch etwas zeigen“, sagte Kaspersky. 

Wir gingen vorbei an dem Schiefen Turm von Pisa, dem Kolosseum aus Rom und der Porta Nigra. Gleich daneben stand – Stonehenge. Ich staunte nicht schlecht, Sarah grinste, Kaspersky nickte und klopfte an das Bauwerk. „Alles solides Styanit. Das übersteht Jahrtausende, und das soll es auch.“ 

„Du willst das hier in der Vergangenheit versetzen? Bist du verrückt? Wie wollen wir den Verlust erklären?“

„Ach, Sebastian, du bist heute wirklich schwer von Begriff. Ja, es wird hier verschwinden, aber in der gleichen Sekunde hier wieder erscheinen – als Nachbildung.“

„Bist du sicher?“

„Hundertprozentig. Ich wette Tausend UNO, dass es klappt.“

Gesagt, getan. Wir bereiteten am nächsten Tag alles vor. Rasch waren der genaue Standort, das Gewicht und die Dichte des Objekts errechnet. Dem Transfer in die Vergangenheit stand nichts mehr entgegen. „Los, Sarah, du darfst auf dem Knopf drücken!“, rief Kaspersky gutgelaunt. Das tat sie und gespannt sahen wir die Projektion, die gleich darauf von der Flugmaschine übertragen wurde – und uns fielen die Kinnladen herunter. Ja, es war nicht nur mehr eine Landschaft zu sehen. Aber keine Steinquader sahen wir an der Stelle, wo Stonehenge sein sollte, sondern eine Säule mit einer Frauengestalt. Das Gesicht konnte man wegen des Nebels kaum erkennen, aber der Hosenanzug leuchtete grün, dann heute war Freitag. Wir hatten uns wohl verrechnet.